Weltblutspendetag: „Dieses Gesetz fördert Stigmatisierung und Diskriminierung“

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Anlässlich des Weltblutspendetags habe ich dem DELA Magazin ein Interview gegeben. Meine Forderung: Diskriminierung beenden und die absurde Enthaltsamkeitsregel streichen. Hier das Interview zum nachlesen:

Quelle: https://magazin.dela.de/?s=blutspende

Von Stephanie Gasteiger – 11. Juni 2021

Florian Winkler-Ohm

Für schwule, bi- und transsexuelle Männer galt seit der „Aids-Krise“ in den 1980er Jahren ein Blutspendenverbot. Um Blutpräparate nicht mit dem HIV-Virus weiter zu verteilen, wurden sie von einer Spende ausgeschlossen. Trotz fortschrittlicher Forschungsarbeit wurde entsprechendes Gesetz in Deutschland erst im November 2017 gekippt. Seither gilt für Personen, deren Sexualverhalten ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten birgt, eine Rückstellungsfrist von der Blutspende für 12 Monate. Doch ist das noch zeitgemäß? Wir sprachen darüber mit Florian Winkler-Ohm, Geschäftsführer des SchwuZ in Berlin und HIV/Drogen-Aktivist sowie dem deutschen Blutspendendienst.

Blut ist nicht unendlich haltbar

Blut ist zwar theoretisch unendlich verfügbar, jedoch nicht unbegrenzt halt- beziehungsweise lagerbar. Blutspenden halten sich lediglich 42 Tage. Daher ist ein kontinuierliches Engagement wichtig. Gerade zu Beginn der Corona-Pandemie wurde schnell deutlich, wie stark das Defizit schwanken kann. Patric Nohe, Pressesprecher des Blutspendedienst erklärt:

„Die Bestände waren zeitweise am unteren Rand der Kapazitäten.”

Optimaler Weise sollten Bestände vier bis fünf Tage ausreichen. Nach dem ersten Lockdown lagen diese bundesweit jedoch bei einem, bis 1,5 Tagen. Die Versorgung konnte dennoch gewährleistet werden. Gerade das Zusammenspiel aus nachgeholten Operationen und den Lockerungen sei jedoch spürbar gewesen. Allerdings folge im Anschluss eine große Welle der Solidarität, gerade durch viele Erstspenderinnen und Erstspender.

So gingen laut Blutspenden.de 56 Prozent der 18- bis 25-Jährigen zur Blutspende. Damit zählen sie zu 47 Prozent der Deutschen, die in ihrem Leben bereits Blut gespendet haben.

Dabei spendeten rund 50 Prozent Männer und über 40 Prozent Frauen Blut. Ein einleuchtender Unterschied, da Frauen viermal innerhalb von zwölf Monaten spenden dürfen, während für Männer sechsmal innerhalb von zwölf Monaten eine Spende möglich ist. Das ist zum einen menstruationsbedingt, zum anderen wird bei Männern das Blut schneller nachgebildet. In dieser Zeit dürfte eine andere Gruppe der Gesellschaft allerdings lediglich einmal zur Blutspende gehen.

Diskriminierung oder wissenschaftliche Grundlage?

Laut aktueller Gesetzeslage dürften homo-, bi- sowie transgendersexuelle Männer zwar Blut spenden, jedoch nur, sofern Sie ein Jahr enthaltsam leben. Doch ist diese Beschränkung realistisch umsetzbar? Aktivist Florian Winkler-Ohm sagt „nein“. Diese Auflage führe seiner Meinung nach an der Wirklichkeit vorbei. „Zwölf Monate keinen Geschlechtsverkehr zu haben, ist so weit weg vom diagnostischen Fenster, welches man zur Risikobestimmung benötigt. Andere Länder machen Deutschland hier vor, dass auch ein deutlich kürzeres Zeitfenster ausreichen würde. Beispielsweise mit einem Zeitfenster von drei Monaten.“ In seinen Augen fördert entsprechendes Gesetz zudem Diskriminierung und Stigmatisierung.

Dass es sich hier keinesfalls um Diskriminierung handeln soll, beteuern Bundesärztekammer und Fachgesellschaften in einer kürzlich veröffentlichten Erklärung. Es handle sich dabei um ein unglückliches Missverständnis. Regelungen, die durch ein bestimmtes Verhalten und dadurch bedingte Infektionsrisiken entstanden seien, dürfen nicht mit einem Verbot oder Diskriminierung verwechselt werden, zitiert das Ärzteblatt. Stattdessen dürften allein wissenschaftliche Erkenntnisse Grundlage von Richtlinien in der Medizin sein. Die Regularien auf eine bestimmte Gruppe zu beschränken, ist für Winkler-Ohm dennoch nicht vollständig nachvollziehbar, denn:

„Wir wissen inzwischen, dass Krankheiten wie HIV weder vor Geschlecht noch Identität halt machen.“

Ob nun der Gedanke der Diskriminierung dahintersteht oder nicht, die ausgegrenzte Gruppe fühlt sich ungerecht behandelt. So gibt es bereits einige Petitionen zum Thema. Beispielsweise die Website change.org. Bereits über 62.000 Menschen haben für die Freiheit, Blut zu spenden, unterschrieben. Auch Florian Winkler-Ohm bestätigt, dass die Community durchaus gewillt ist, Blut zu spenden: „Tatsächlich diskutiere ich das Thema häufig in meinem Bekanntenkreis. Viele würden gerne gehen, können aber nicht, da die Auflagen einfach zu streng sind.“

Die Forderungen resultieren hier in verschiedenen Ansätzen. Die gängigste Meinung ist, das diagnostische Fenster von HIV zu berücksichtigen. Also zwölf Wochen. Diese würden vollkommen ausreichen.

„Das sollte dann auch nicht nur auf Homosexuelle bezogen sein, sondern für alle gelten“, so Winkler-Ohm, „es geht grundsätzlich darum, lang überholte Schreckensbilder der 80er Jahre hinter sich zu lassen.“

Er weist zudem darauf hin, dass der Empfänger selbst im Extremfall, also einer Erkrankung durch eine infizierte Blutspende, nach aktuellem Stand der Medizin nicht mehr an AIDS sterben müsste. Er könnte – wie er selbst – ein normales Leben mit dem HI-Virus führen.

Solidarität trotz Benachteiligung

Florian Winkler-Ohm ist selbst HIV-positiv. Die Diagnose erhielt er im Alter von 20 Jahren:

„Schon damals habe ich einmal im Jahr einen HIV-Test gemacht. Zunächst anonym beim Gesundheitsamt und später bei meiner Hausärztin. Damals musste man noch etwa zehn Tage auf das Ergebnis warten. Als ich dann für besagtes Testergebnis außerhalb der Öffnungszeiten in die Praxis bestellt wurde, wusste ich, dass etwas nicht stimmen kann. Die Ärztin stand tränenüberströmt im Zimmer und teilte mir mit, dass ich HIV-positiv getestet wurde. Anschließend musste ich die Ärztin trösten, da die Aufklärung zu dieser Zeit noch nicht sonderlich gut war.“

Seiner Meinung nach hat sich in den letzten 20 Jahren wenig an der Aufklärung getan.

„Noch heute gibt es viele Hausärzte, die zum Thema Geschlechtskrankheiten oder HIV unterirdisch schlecht informiert sind. Sie sind noch immer in den Bildern der 80er Jahre verhaftet.“

Er selbst führt jedoch ein normales Leben. „Gesundheitlich habe ich keine Einschränkungen und werde vielleicht sogar älter als andere Menschen, die seltener zum Arzt gehen. Wie viele Männer gehen beispielsweise regelmäßig zur Darmspiegelung? Zahnärzte hingegen, die keine HIV-positiven Patienten behandeln oder Ärzte, die groß „HIV“ auf die Patientenakte schreiben, dürfte es heute nicht mehr geben.“ Und auch in der Blutspende sei ein Umdenken gefragt.

Winkler-Ohm selbst war erst einmal, mit 19 Jahren bei der Blutspende. Dennoch gehört es für ihn zum solidarischen Grundgedanken der Gesellschaft: „Ich finde es wichtig, im Ernstfall gut mit Blut versorgt zu sein. Dafür würde ich umgekehrt ebenfalls gerne meinen Beitrag leisten. Gerade für etwas, das unsere Gesellschaft so einfach leisten kann, gehen meines Erachtens viel zu wenige Menschen zum Blutspenden.“ Da er seinen eigenen Beitrag hierzu nicht mehr leisten kann, muss er auf andere hoffen.

Blutspendendienst: Regularien nicht nur für homo-, bi- oder transsexuelle Männer

Blutspenden werden aufwendig und ausgiebig getestet, versichert Patric Nohe. Denn: Die Blutspende in Deutschland unterliegt äußert strengen Regularien und Gesetzen. Aus diesem Grund gibt es Fälle, in deren Rahmen Personen von der Blutspende ausgeschlossen- oder mit einer Wartezeit zurückgestellt werden. Die Gründe sind hierbei vielfältig. Beispielsweise nach Aufenthalten in Malariagebieten oder auch Thailand. Auch nach einer frisch gestochenen Tätowierung oder einem Piercing gilt eine Rückstellung von vier Monaten.

Darüber hinaus sind bestimmte Vorerkrankungen oder die Einnahme gewisser Medikamente inkompatibel mit einer Blutspende. „Die Sicherheit der Blutpräparate sowie der damit verbundene Schutz sowohl unserer Spenderinnen und Spender, als auch der meist schwerkranken Empfänger höchste Priorität“, so Nohe. Alle Faktoren haben ein Ziel gemein: die Blutspende so sicher wie möglich zu machen.

Und zu diesen Faktoren gehören nun mal auch Lebensgewohnheiten und das Sexualverhalten der Spender. „Viren können durch Sexualkontakte übertragen werden und danach unerkannt im Blut zirkulieren. Wir haben das Problem, dass wir zwar testen, aber es gibt eine sogenannte Fensterphase, genannt diagnostisches Fenster.“ Dieses beschreibt die Phase, in der weder das Virus, noch die Antikörper nachgewiesen werden können. Hier greifen die Tests nicht. Entsprechende Phasen können unterschiedlich lang sein und werden vom RKI festgelegt.

Menschen, deren Sexualverhalten per Richtliniendefinition ein erhöhtes Risiko mit sich bringt von der Blutspende zurückgestellt. Auch heterosexuelle Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern sind von dieser Regelung betroffen, ebenso auch die Gruppe MSM, also Männer, die mit Männern Sexualverkehr haben. Hintergrund der Reglung ist eine Studie des RKI, die besagt: Das Risiko ist in der Gruppe MSM um ein vielfaches höher, als in anderen.

Mit Tests ausreichend vorbeugen?

Ein weiteres Argument der Szene hingegen: Betroffene testen sich bei weitem häufiger, als hetereosexuelle Menschen. Warum also wird ein homosexueller Mann in einer langjährigen Beziehung, mit regelmäßigen Tests, anders behandelt, als ein heterosexueller Single-Mann?

Das fragt sich auch Winkler-Ohm: „Natürlich geht die schwule oder queere Community öfter zum Test. Das tun sie wesentlich häufiger, als der heteronormative Rest der Gesellschaft. Gerade was STIs angeht, geht dadurch ein deutlich höherer Schutzfaktor aus. Das ist inzwischen auch wissenschaftlich ausreichend belegt.“ Die größere Herausforderung seien hingegen Menschen, die nie zum Test gehen. Sie fühlen sich vermeintlich gesund, aber stecken andere möglicherweise unwissentlich an. „Und trotzdem wird unsere Community von vornherein mit höheren Auflagen bedacht.“ Menschen, aus seinem Umfeld gehen etwa alle drei Monate zum Test.

„Es gehört zum guten Ton entsprechend zu testen.“

Gesetz gerät ins Wanken

Wie der Münchner Merkur berichtet, soll das Gesetz, das eine Blutspende verhindert allerdings abgeschafft werden. Dafür plädieren FDP, Linke, Grüne und sogar die CSU. So sagt der Münchner Bundestagsabgeordnete Stephan Pilsinger (CSU), dass die Rückstellfrist von 12 Monaten fachlich nicht mehr wirklich begründbar sei. Das diagnostische Fenster wäre hingegen bereits nach sechs bis acht Wochen abgelaufen. Großbritannien hatte eine entsprechende Angleichung bereits im Dezember 2020 vorgenommen.

Einer für alle, alle für einen

Für den Blutspendendienst selbst ist es verpflichtend, sich an die Vorgaben durch Bundesärzteverband und Fachgesellschaften zu halten. Die Sicherheit ist hier das oberste Credo. So lange diese gegeben ist, ist die Überarbeitung der Regularien jedoch richtig und wichtig. „Der Blutspendendienst begrüßt sämtliche Richtlinien, die unter Gewährleistung der Sicherheit zu mehr Blutspenden führen“, sagt Patric Nohe.

Er erinnert jedoch auch daran, sich auch als potentieller Spender nicht über (noch) bestehende Richtlinien hinwegzusetzen. Blutspendendienste sind auf ein vertrauensvolles Verhältnis zu Spenderinnen und Spendern angewiesen, da die ausgefüllten Fragebogen vor einer Spende nicht zur Gänze überprüft werden können. Dadurch ist es auch eine Frage der Ethik, sollten Angaben seitens des Spenders nicht korrekt sein.

„Bei der Blutspende geht es darum, für andere Menschen ein überlebenswichtiges oder lebensrettendes Präparat herzustellen. Im Zweifel können falsche Angaben für Blutempfänger lebensgefährlich sein“, so Nohe.

Zudem sei der Vorwurf gegen den Blutspendendienst per se absurd. „Es steht niemand der Verantwortlichen auf und fragt sich: „Wer darf denn heute nicht Blut spenden?“. Dennoch sei es notwendig, jede Optimierungsmöglichkeit zu nutzen, weil jede Spende benötigt wird.

Wer – auch vorübergehend – nicht zum Spenden zugelassen ist, dem das Thema jedoch am Herzen liegt, der könne beispielsweise Aufmerksamkeit für den Bedarf an Spenden schaffen.

Patric Nohe ist gespannt auf die Entwicklung der Regulierungen und freut sich über jeden, der Blut spenden kann und will. Er stellt abschließend klar:

„Uns als Blutspendendienst ist es egal, woher ein Mensch kommt, oder wen er liebt. Nur Sicherheit zählt.“

Titelbild: © Florian Winkler-Ohm

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