Atemlos, dank Xavier.

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Für die Liebe zum Schlager „Atemlos durch die Nacht“ muss ich mir schon lang ziemlich Häme im Kolleg:innenkreis einholen. Ganz neue Bedeutung bekommt der Song, seit ich mit Corona flach liege. Die letzten zwei Jahre hatte mich das Virus verschont, seit Mitte letzter Woche bin ich positiv.

Während ich noch sehr lange gehofft hatte, dass die antiretroviralen HIV-Medikamente vielleicht doch hemmende Wirkung auf das Corona-Virus haben, bleibt für mich jetzt nur die Ernüchterung: Leider nein. Ein Glück: Ich bin dreifach geimpft – dreimal mit anderem Wirkstoff. Mehr Abwechslung geht nicht.

Und dennoch haut mich dieses Virus derzeit komplett aus der Bahn. Selbst kleinste Aufgaben fühlen sich an, als hätte ich eine mehrstündige Gipfelbesteigung eines 3000ers hinter mir. Das Gefühl, zu wenig Luft zu bekommen kenne ich seit Jahren durch mein Astmha, nur derzeit ist dies ein Dauerzustand der sich auch nicht mit meinen Sprays beseitigen lässt.

Die letzten Nächte habe ich weit über 12 Stunden geschlafen und nach Duschen und Frühstücken muss ich mich direkt wieder hinlegen. Bin ich jetzt dieser „alte, weiße, schwule Mann“ von dem alle sprechen? Ich hoffe nicht und vertreibe mir die Zeit auf der Couch mit spannenden Büchern wie „Der weiße Fleck“ von Mohamed Amijahid, „Ich könnte ihn erwürgen“ von Martin Wehrle und „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez.

Ich komme endlich mal dazu „Die Zeit“ komplett durchzulesen und verfolge die teils krankhaften Debatten in den Sozialen Medien. „Ich habe mich Theorien, Sichtweisen und teilweise auch Gruppierungen geöffnet, von denen ich mich ohne Wenn und Aber distanziere und lossage“ sagt Xavier Naidoo in seinem aktuellen Entschuldigungsvideo. Der Schwurbler und Corona-Leugner Nummer 1 rudert zurück.

Und ich lese die Kommentare, Meinungen und Bewertungen zu diesem dreimünitgen Entschuldigungsvideo – von ehemaligen Redaktionskolleg:innen, von Hinz und Kunz und von Maralaposteln jeglicher Coleure. Es geht um Schuld, um Ent-schulduldigung, um Neuanfang.

Kurz nach Ostern wirkt dieses Schauspiel christlich-geprägter Werte ziemlich bizarr. Ich frage mich, wieviele Menschen nach den unzähligen Verschwörungsvideos von Naidoo in den letzten Monaten ohne Impfung einen grausamen Tod gestorben bin. Ich überlege, wieviele Gegenvideos es bräuchte um nur einen Bruchteil der Corona-Leugner:innen zum Umdenken zu bewegen. Ich frage mich, ob sich sowas mit Schuld, Sühne und Verzeihung tatsächlich lösen lässt.

Verantwortung zu übernehmen ist die Tugend unserer Zeit. Daran sollten wir jede Reue, jede Bitte um Entschuldigung, jedes Rückrudern bemessen. Eine Ent-Schuldigung erfolgt doch mehr durch Taten, statt durch Worte. Vielleicht schlägt Naidoo diesen Weg ja ein – und wenn, dann sei ihm schon jetzt prophezeit: „Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer.“

Ich widme wich wieder meinen Büchern, hoffe dass die viele Ruhe mir wieder genügend Atem schenkt gegen den Wahnsinn dieser Zeit auch anpusten zu können und dreh die Musik ein bisschen lauter: Atemlos durch die Nacht.

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