34 Millionen Gründe für unsere Arbeit

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Die 21. Welt-Aids-Konferenz ist geschafft: In diesen Minuten warten Armin und ich in Johannesburg um von dort aus wohl mit rund sechs Stunden Verspätung Richtung München zu fliegen. Unser Anschlussflug von München nach Berlin ist damit leider garantiert weg – aber hey, ich habe es schon einmal vor vier Jahren von Bayern nach Berlin geschafft – das wird uns auch morgen gelingen 😉

Acht Tage Konferenz liegen hinter uns und mit ihr die Erkenntnis: Diese 21. Welt-Aids-Konferenz fand am richtigen Ort statt. In Durban, einer Stadt die auf einem ihrer größten innerstädtischen Plätze eine große rote Aids-Schleife als Denkmal errichtet hat: ein starkes Zeichen – ein „Denk-mal“, eine Mahnung: Hier in Afrika endet HIV immer noch in den meisten Fällen tödlich.

Zugang zu HIV-Medikamenten für jeden Menschen: Was in Deutschland für die allermeisten eine Selbstverständlichkeit ist, ist knapp 9000 km weiter noch ein rares Gut, dass wahrhaftig über Leben oder Tod entscheidet. Und leider gewinnt hier der Tod in den meisten Fällen.

Nicht, weil Medikamente nicht verfügbar wären. Nicht weil sie mit deutschen Therapiepreisen von rund 1500 – 2000 Euro im Monat fernab jeder Diskussionsmöglichkeit wären.

Nein, sondern weil…

– der Preis für die Medikation von rund einem Euro am Tag hier zu viel ist für die Menschen die im Durchschnitt 80 Cent pro Stunde verdienen.

– hier immer noch die Hautfarbe über Einkommen, medizinischen Zugang und somit über den Zugang der Therapie entscheiden.

– fehlendes Wissen zu Therapiemöglichkeiten und dem Schutz vor einer Infektion immer noch die größten Herausforderung sind, die dieser Kontinent mit unserer Hilfe zu bewältigen hat.

Als vor 16 Jahren schon einmal die Welt zu Gast in Durban war, stand unser Kampf gegen diese Infektion noch am Anfang. An einem schrecklichen Anfang. Damals starb hier jede Minute ein Mensch an den Folgen von AIDS. Jede Minute ein Leben.

Und heute? Heute leben in Südafrika rund 3,4 Millionen Menschen mit HIV. Das sind soviel Menschen wie Berlin Einwohner hat! Und nicht genug: Weltweit haben sich zwischenzeitlich rund 34 Millionen infiziert – in Zahlen: 34.000.000. Mehr als der Hälfte dieser Menschen fehlt der Zugang zur Therapie. Und weil wir das vor lauter Statistiken und Zahlen oft vergessen:

Es geht um Menschen – es geht um 34.000.000 Menschen!!!

Für jeden einzelnen lohnt sich unsere Anstrengung: Zusammen mit 18.000 Aktivisten, Wissenschaftlern, Ärzte, Pharma- und Regierungsvertretern haben wir in den vergangenen acht Tagen daran gearbeitet die Welt ein kleines Stückchen lebenswerter zu machen.

Hier in Durban haben wir gemeinsam dafür gekämpft, gefordert und angeklagt dass…

– Regierungen nicht die Mittel für die HIV-Arbeit kürzen

– Menschen mit HIV mehr Rechte und weniger Stigmatisierung erfahren

– Mediziner sich vernetzen, austauschen und gemeinsam arbeiten können

-HIV-Aktivisten netzwerken konnten und in ihrer Arbeit bestärkt wurden

– besonders von HIV betroffene Gruppen – wie Sexarbeiter*innen oder Drogengebraucher*innen bessere Gesetze und Sicherheit für ihr Leben bekommen

– die Pharmaindustrie nicht auf Kosten von Menschenleben ihre Profitgier stillt

Es war eine anstrengende Woche, es waren lange Tage und es waren berührende Gespräche.
Aber es war auch ein Wir-Gefühl, eine unglaubliche Inspiration und Motivation.

Es war die beste Woche in meiner Arbeit als HIV-Aktivist und die Bestätigung: Dieser Einsatz – den viele großartige Menschen haupt- und ehrenamtlich leisten ist unverzichtbar für diese Welt.

Es geht nicht um eine lustige Abwechslung auf CSDs, es geht nicht um das Verteilen von Kondomen in Clubs, es geht nicht um das Zuhören, Beraten und Begleiten nach einer Infektion.

Es geht um den wichtigsten Grund überhaupt: Den Menschen.

Genauergesagt um 34 Millionen einzelne, wertvolle Gründe!

Aids 2016: Was wirlich pervers ist

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Montagabend, 20 Uhr: Wir sitzen zusammen mit tausenden Menschen in einer rießen Halle des Kongresszentrums in Durban/Südafrika. Meterhohe rote Schleifen hängen von der Decke. Gerade eröffnen auf der Bühne Kweku Mandela – der Enkel des großartigen Nelson Mandela zusammen mit der Oskarpreisträgerin Charlize Theron den Kongress.

„Ich bin überhaupt nicht stolz, dass diese Veranstaltung hier ist“ – ein kurzes Stocken im Raum, dann die Worte auf die hier spürbar alle gewartet haben: „Diese Veranstaltung sollte überhaupt nicht mehr notwendig sein.“ Der Saal tobt.

Es ist nach 16 Jahren die zweite Welt-Aids-Konferenz in Südafrika Die zweite und hoffentlich letzte! Bis 2030 Aids zu beenden – das ist unser großes Ziel für das wir nochmals einen Gang zulegen müssen. Besser zwei. 180.000 Menschen sind alleine im letzten Jahr hier in Südafrika an den Folgen von HIV gestorben. Jeden Monat infizieren sich neu 13.000 nur in diesem Land der Welt. Hier sind die meisten davon Frauen, die Infektion die Folge sexueller Gewalt

Für mehr als die Hälfte aller Menschen mit HIV gib es auch heute nochkeinen Zugang zu Medikamenten. Sie sterben auch 2016 an den Folgen von Aids, wenn sie nicht zuvor schon die Stigmatisierung und Diskriminierung in ihrem jeweiligen Land umgebracht hat.

Und die Welt schaut zu.

Ich erinnere mich in diesem Moment an einen Präventionseinsatz auf einem CSD an dem ein älterer Mann im Vorbeigehen an unserem Stand „Leben mit HIV“ sagte: „Das habt ihr nun von eurem perversen Sex.“ Damals habe ich das mit einem Lächeln überspielt, heute – getragen von dieser Power und den großartigen Menschen den ich hier begegne – möchte ich wütend zurückbrüllen:

Pervers ist, dass die Welt finanziellen Mittel für die Aids-Arbeit kürzt, statt sie aufzustocken.
Pervers ist, dass wir alle Möglichkeiten haben um das Virus in Schach zu halten, aber Pharmakonzerne ein milliardenschweres Geschäft mit unserem Leben betreiben.
Pervers ist, dass wir alles über Infektionswege wissen und Regierungen uns dennoch nicht genügend Geld geben unsere Arbeit zu machen.
Pervers ist, dass viele von uns nicht das Virus sondern die Stigmatisierung und Diskiminierung tötet.
Pervers ist, dass wir im Jahr 2016 immer noch ausgegrenzt werden, weil wir das gleiche Geschlecht lieben, weil wir eine bestimmte Hautfarbe haben, weil wir als Sexarbeiter*innen unser Geld verdienen, Drogen gebrauchen oder weil wir schlicht in Armut leben.

Und von wem? Von den eigentlich Perversen!