Ines Perea: PrEP-Start, HIV-Selbsttest und die Hoffnung an Russland

Flo im Gespräch mit Ines Perea, der zuständigen Referatsleiterin für HIV, STI und Hepatitis des Bundesministeriums für Gesundheit.

HIV 2018: Zwischen PrEP-Euphorie & explodierenden Neuinfektionszahlen in Osteuropa

„Breaking Barriers – Building Bridges“ (Barrien überwinden – Brücken bauen) – so lautet das Motto der 22. Internationalen AIDS-Konferenz, die in diesem Jahr zu Gast in den Niederlanden ist.

Bis zum 27. Juli treffen hier in Amsterdam über 15.000 Menschen aufeinander: Ärzt_innen, Journalist_innen, die Vertreter_innen der Pharmaindustrie und jede Menge HIV-Aktivist_innen aus aller Welt: gemeinsam planen, diskutieren und fordern wir das Ende der Aids-Epidemie bis 2030.

Die Konferenz ist zum zweiten Mal nach 1992 in Amsterdam und zählt heutzutage zu den sogenannten Fast-Track-Citys die in besonderem Maße am Ziel Aids bis 2030 zu beenden mitwirken.

img_3826-1

Seit der letzten Welt-AIDS-Konferenz in Südafrika ist viel passiert. Die PrEP (mit der man sich mittels Tablette vor einer HIV-Infektion schützen kann) hat in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren eien wahrhaftige Erfolgsgeschichte hingelegt: Mit Wegfall der Patentrechte senkte sich der monatliche Bezugspreis von über 800 Euro auf durchschnittlich 40 Euro: die PrEP wurde zum finanzierbaren HIV-Schutz.

Die Wirksamkeit dieser Methode überzeugte nunmehr auch den Bundesminister für Gesundheit – pünktlich zum Start der Welt-AIDS-Konferenz erklärte gestern das Ministerium, dass beabsichtigt sei die PrEP als Krankenkassenleistung zu etablieren.

Mit der PrEP auf Rezept steigt Deutschland in die Königsklasse der HIV-Versorgung auf.

Andere europäische Länder haben diesen Schritt schon früher gewagt. Das Ergebnis sind deutlich gesunkene Neuinfektionszahlen und eine gute Annahme dieser HIV-Prophylaxe insbesondere in der MSM-Szene (Männer, die Sex mit Männern haben).

Die Welt ist ein Dorf. Leider nur nicht wenn es um HIV-Versorgung geht.

Diese Konferenz – die eigentlich erst am Montag startet – und mit den derzeitigen Vorkonferenzen gerade erst an Fahrt aufnimmt spiegelt jetzt schon deutlich in welcher priviliegierten und glücklichen Situation wir in West-Europa leben. Bei meinem Besuch vor zwei Jahren auf der Konferenz in Südafrika waren wir zu Gast in einem Land mit der von HIV am höchsten betroffenen Bevölkerung.

Ich möchte diese Konferenz nutzen um nicht nur über den Fortschritt in West-Europa zu berichten, über die Erfolge der PrEP und den großartigen Aktionismus der Community im Kampf gegen Stigma, Ausgrenzung und Diskriminierung.

Ich möchte den Finger auch in die Wunde legen die brennt: Denn während nunmehr auch in Deutschland in Kürze der Schutz durch eine Pille vorab vor HIV seinen entscheidenden Schritt zur Beendigung der Aids-Epidemie leisten wird, sterben in vielen Teilen dieser Welt noch immer die Menschen an den Folgen des Virus.

Über 40 Prozent der Menschen mit HIV auf der Welt fehlt nach wie vor der Zugang zu wirksamen Medikamenten: weil Medikamente nicht verfügbar, nicht finanzierbar, nicht bekannt sind. Wenn die Therapiequote weltweit laut Angaben von UNAIDS bei knapp 60 Prozent liegt, bedeutet dies das noch immer über 40 Prozent der Menschen an den Folgen von Aids sterben.

  • Wie soll das Ziel Aids bis 2030 zu beenden gelingen, wenn wir derzeit in osteuropäischen Ländern eine Zunahme der Infektionszahlen verzeichnen?
  • Wie lässt sich Prävention und Aufklärung in Ländern betreiben, die nach offiziellen Angaben keine HIV-Fälle haben?
  • Wie kann es gelingen Länder wie Russland oder Nigeria in denen rund ⅔ aller HIV-Infizierten keinen Zugang zur Behandlung haben in das Vorhaben #EndingAIDS2030 zu integrieren?
  • Wie können wir den Menschen südlich des Äquators helfen, die immer noch an diesen Virus ihr Leben verlieren?
  • Wie ermöglichen wir einer ganzen Genration von Aids-Waisen ein zukunftsorientiertes Leben?

Seit meiner Zeit in Südafrika hat sich mein Leben verändert. Die vielen Kinder die auf der Straße als Aids-Waisen ein Leben am Rande der Gesellschaft führen, die Gespräche mit HIV-Aktivist_innen aus Russland die täglich mit ihrer Verhaftung rechnen, die Ohnmacht von Hilfsorganisationen die sich um Sexarbeiter_innen, drogengebrauchende Menschen und Kinder mit HIV kümmern – sie alle waren und sind Ansporn für mich all meine Energie in den HIV-Aktionismus zu stecken, aufzurütteln, das Thema zu verbreiten, laut zu sein.

Und zwar solange bis kein Mensch mehr auf dieser Welt an den Folgen von Aids sterben muss – gleich ob das nun bis 2030 gelingt oder nicht. Lasst uns also in den nächsten acht Tagen hier in Amsterdam gemeinsam die Zeit nutzen, dort hinzuschauen und die mediale Aufmerksamkeit hinzulenken wo sie am dringendsten benötigt wird: Ruhen wir uns bitte nicht auf den Erfolgen der Gesundheitspolitik in unserem Land aus, sondern nutzen wir die dadurch erlangte Kraft für die HIV-Freund_innen auf der Welt die uns dringend brauchen.

Das ist meine Sicht auf das Motto: Barrien überwinden – Brücken bauen.

Packen wir´s an. Es gibt noch so viel zu tun. Goedendag aus Amsterdam. Hallo Welt.

#AIDS2018

Danke, für jeden Support zur Welt-AIDS-Konferenz: liken, teilen, mitdiskutieren und unsere Botschaften in die soziale und reale Welt tragen. Rechts unten kannst du diesem Blog folgen – danke dafür.

Mein erster KUS vom Ministerium

IMG_3753

Peinlich. Rechtschreibfehler in der Überschrift? Abwarten!

Es gibt sie – die Abkürzungen die echt Sinn machen, weil der eigentliche Name so lang ist, dass ihn sowieso keiner verwendet: HIV zum Beispiel steht für „Human Immuno Deficiency Virus“, auf deutsch „Humanes (oder auch menschliches) Immundefekt Virus“.

Auch BMG macht echt Sinn – denn mal ehrlich: Bundesministerium für Gesundheit rutscht nicht wirklich so schwungvoll über die Lippen. Gestern war ich genau dort, im BMG, zusammen mit zwei weiteren Vertreter_innen der HIV-Community nahm ich an der (ACHTUNG – jetzt wirds lang) 1. Sitzung des Koordinierungsgremiums zur Umsetzung der Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektion teil.

Ich gestehe: Ich bin ein Wort-Fetischischt – sowas gibts zwar nicht, aber wahrscheinlich auch keinen der das neugeschaffene Gremium ohne Fehler aussprechen kann. Daher einigen wir uns für meinen Blog auf die freundliche Abkürzung KUS – Koordinierungsgremium zur Umsetzung der Strategie. Wenn du vergessen hast welche, dann kannst du ja oben nachlesen 😉

Mit Spannung haben viele auf diesen Termin gewarten. Denn KUS folgt auf NAB.
Der Nationale AIDS-Beirat (NAB), der im Jahr 1987 als Beratungsgremium von der Bundesregierung eingesetzt wurde, beendete am 21. November 2016 seine Tätigkeit.

Insgesamt 48 Voten hat der Nationale AIDS-Beirat im Laufe der Jahre erarbeitet. Schwerpunktthemen waren dabei HIV-Testung, HIV-bedingte Stigmatisierung und Diskriminierung sowie Versorgung und Prävention.

Nach Presseerklärungen war dann im letzten Jahr bekannt: „Im Rahmen der Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen -„BIS 2030 – Bedarfsorientiert, Integriert, Sektorübergreifend“ – möchte das BMG im nächsten Jahr ein Gremium einsetzen, das die Umsetzung der neuen Strategie begleitet.“ Voilà – die Zukunft ist jetzt.

Gestern saß ich also zum ersten Mal in diesem neuen Gremium zusammen – ganz ehrlich eine gute und lobenswerte Sache – denn wenn Community-Vertreter auf Augenhöhe mit den Spitzenvertretern des Gesundheitssystems diskutieren und sich austauschen können ist die Grundlage für das geschaffen, was wir immer wieder in der Selbsthilfe fordern: Nothing about us, without us. Frei übersetzt: Nicht über uns reden, sondern mit uns.l

Hat schonmal geklappt – und soll zukünftig zweimal pro Jahr stattfinden. Es geht um sektorübergreifende Vernetzung – soll heißen: Nationale, regionale und lokale Organisationen, staatliche und nicht-staatliche sitzen gemeinsam an einem runden Tisch um gemeinsam über eine Sache zu sprechen: Die nachhaltige Eindämmung von HIV, Hepatits B und C, Syphilis, Gonorrhoe, Chlamydien, HPV und andere sexuelle und durch Blut übertragbare Infektionen. Ihr ahnt es schon: Der letzte Satz ist nicht von mir – so rund klingts nur beim BMG.

Fünf Handlungsfelder sieht das BMG dabei als Grundlage der Arbeit: gesellschaftliche Akzeptanz, Wissensgrundlage, integrierte Angebote, sektorübergreifende Vernetzung und sich hieraus ergebende bedarfsgerechte Angebote – insbesondere für folgende Bereiche:

  • Allgemeinbevölkerung
  • Mädchen/junge Frauen
  • Jugendliche
  • Männer, die Sex mit Männer haben
  • Injizierend Drogengebrauchende
  • Migrant_innen
  • Trans*-Menschen
  • Mutter-Kind
  • Justizvollzugsanstalten (Haftinsassen und Bedienstete)

Besonders bei den Bereichen Hafte, Trans*, Jungen/junge Männer und männliche Sexarbeiter sieht man beim BMG noch besonderen Bedarf an der Erweiterung der Wissensgrundlage.

Und so soll das neue Gremium zukünftig sich austauschen, beraten, unteinander vernetzen aber auch durch Ansätze und Maßnahmen bereichern und am Monitoring beteiligt sein.

Wie genau? In welchem Umfang? Mit welchen Befugnissen? Mit welcher Verantwortung?

Ganz ehrlich, das ist im BMG auch nicht anders, als in jeder guten Serie – die findet dann ihr Ende wenn man gerade an einem spannenden Höhepunkt angelangt ist. Gut gemacht jedenfalls für die Pilotserie – denn es bleibt spannend.

Also alles wie beim ersten Kuss, da freut man sich auf noch intesiver, tiefer, länger, und bleibt dennoch erstmal noch grün hinter den Ohren.

Kuss, KUS.

Ganz ohne Abkürzung sondern auf direktem Weg – rechts unten auf FOLGEN klicken und zukünftig keinen neuen Blogartikel von mir mehr verpassen.

Foto: Siegfried Schwarze – mit besten Empfehlungen für projektinfo.de