Weltblutspendetag: „Dieses Gesetz fördert Stigmatisierung und Diskriminierung“

Anlässlich des Weltblutspendetags habe ich dem DELA Magazin ein Interview gegeben. Meine Forderung: Diskriminierung beenden und die absurde Enthaltsamkeitsregel streichen. Hier das Interview zum nachlesen:

Quelle: https://magazin.dela.de/?s=blutspende

Von Stephanie Gasteiger – 11. Juni 2021

Florian Winkler-Ohm

Für schwule, bi- und transsexuelle Männer galt seit der „Aids-Krise“ in den 1980er Jahren ein Blutspendenverbot. Um Blutpräparate nicht mit dem HIV-Virus weiter zu verteilen, wurden sie von einer Spende ausgeschlossen. Trotz fortschrittlicher Forschungsarbeit wurde entsprechendes Gesetz in Deutschland erst im November 2017 gekippt. Seither gilt für Personen, deren Sexualverhalten ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten birgt, eine Rückstellungsfrist von der Blutspende für 12 Monate. Doch ist das noch zeitgemäß? Wir sprachen darüber mit Florian Winkler-Ohm, Geschäftsführer des SchwuZ in Berlin und HIV/Drogen-Aktivist sowie dem deutschen Blutspendendienst.

Blut ist nicht unendlich haltbar

Blut ist zwar theoretisch unendlich verfügbar, jedoch nicht unbegrenzt halt- beziehungsweise lagerbar. Blutspenden halten sich lediglich 42 Tage. Daher ist ein kontinuierliches Engagement wichtig. Gerade zu Beginn der Corona-Pandemie wurde schnell deutlich, wie stark das Defizit schwanken kann. Patric Nohe, Pressesprecher des Blutspendedienst erklärt:

„Die Bestände waren zeitweise am unteren Rand der Kapazitäten.”

Optimaler Weise sollten Bestände vier bis fünf Tage ausreichen. Nach dem ersten Lockdown lagen diese bundesweit jedoch bei einem, bis 1,5 Tagen. Die Versorgung konnte dennoch gewährleistet werden. Gerade das Zusammenspiel aus nachgeholten Operationen und den Lockerungen sei jedoch spürbar gewesen. Allerdings folge im Anschluss eine große Welle der Solidarität, gerade durch viele Erstspenderinnen und Erstspender.

So gingen laut Blutspenden.de 56 Prozent der 18- bis 25-Jährigen zur Blutspende. Damit zählen sie zu 47 Prozent der Deutschen, die in ihrem Leben bereits Blut gespendet haben.

Dabei spendeten rund 50 Prozent Männer und über 40 Prozent Frauen Blut. Ein einleuchtender Unterschied, da Frauen viermal innerhalb von zwölf Monaten spenden dürfen, während für Männer sechsmal innerhalb von zwölf Monaten eine Spende möglich ist. Das ist zum einen menstruationsbedingt, zum anderen wird bei Männern das Blut schneller nachgebildet. In dieser Zeit dürfte eine andere Gruppe der Gesellschaft allerdings lediglich einmal zur Blutspende gehen.

Diskriminierung oder wissenschaftliche Grundlage?

Laut aktueller Gesetzeslage dürften homo-, bi- sowie transgendersexuelle Männer zwar Blut spenden, jedoch nur, sofern Sie ein Jahr enthaltsam leben. Doch ist diese Beschränkung realistisch umsetzbar? Aktivist Florian Winkler-Ohm sagt „nein“. Diese Auflage führe seiner Meinung nach an der Wirklichkeit vorbei. „Zwölf Monate keinen Geschlechtsverkehr zu haben, ist so weit weg vom diagnostischen Fenster, welches man zur Risikobestimmung benötigt. Andere Länder machen Deutschland hier vor, dass auch ein deutlich kürzeres Zeitfenster ausreichen würde. Beispielsweise mit einem Zeitfenster von drei Monaten.“ In seinen Augen fördert entsprechendes Gesetz zudem Diskriminierung und Stigmatisierung.

Dass es sich hier keinesfalls um Diskriminierung handeln soll, beteuern Bundesärztekammer und Fachgesellschaften in einer kürzlich veröffentlichten Erklärung. Es handle sich dabei um ein unglückliches Missverständnis. Regelungen, die durch ein bestimmtes Verhalten und dadurch bedingte Infektionsrisiken entstanden seien, dürfen nicht mit einem Verbot oder Diskriminierung verwechselt werden, zitiert das Ärzteblatt. Stattdessen dürften allein wissenschaftliche Erkenntnisse Grundlage von Richtlinien in der Medizin sein. Die Regularien auf eine bestimmte Gruppe zu beschränken, ist für Winkler-Ohm dennoch nicht vollständig nachvollziehbar, denn:

„Wir wissen inzwischen, dass Krankheiten wie HIV weder vor Geschlecht noch Identität halt machen.“

Ob nun der Gedanke der Diskriminierung dahintersteht oder nicht, die ausgegrenzte Gruppe fühlt sich ungerecht behandelt. So gibt es bereits einige Petitionen zum Thema. Beispielsweise die Website change.org. Bereits über 62.000 Menschen haben für die Freiheit, Blut zu spenden, unterschrieben. Auch Florian Winkler-Ohm bestätigt, dass die Community durchaus gewillt ist, Blut zu spenden: „Tatsächlich diskutiere ich das Thema häufig in meinem Bekanntenkreis. Viele würden gerne gehen, können aber nicht, da die Auflagen einfach zu streng sind.“

Die Forderungen resultieren hier in verschiedenen Ansätzen. Die gängigste Meinung ist, das diagnostische Fenster von HIV zu berücksichtigen. Also zwölf Wochen. Diese würden vollkommen ausreichen.

„Das sollte dann auch nicht nur auf Homosexuelle bezogen sein, sondern für alle gelten“, so Winkler-Ohm, „es geht grundsätzlich darum, lang überholte Schreckensbilder der 80er Jahre hinter sich zu lassen.“

Er weist zudem darauf hin, dass der Empfänger selbst im Extremfall, also einer Erkrankung durch eine infizierte Blutspende, nach aktuellem Stand der Medizin nicht mehr an AIDS sterben müsste. Er könnte – wie er selbst – ein normales Leben mit dem HI-Virus führen.

Solidarität trotz Benachteiligung

Florian Winkler-Ohm ist selbst HIV-positiv. Die Diagnose erhielt er im Alter von 20 Jahren:

„Schon damals habe ich einmal im Jahr einen HIV-Test gemacht. Zunächst anonym beim Gesundheitsamt und später bei meiner Hausärztin. Damals musste man noch etwa zehn Tage auf das Ergebnis warten. Als ich dann für besagtes Testergebnis außerhalb der Öffnungszeiten in die Praxis bestellt wurde, wusste ich, dass etwas nicht stimmen kann. Die Ärztin stand tränenüberströmt im Zimmer und teilte mir mit, dass ich HIV-positiv getestet wurde. Anschließend musste ich die Ärztin trösten, da die Aufklärung zu dieser Zeit noch nicht sonderlich gut war.“

Seiner Meinung nach hat sich in den letzten 20 Jahren wenig an der Aufklärung getan.

„Noch heute gibt es viele Hausärzte, die zum Thema Geschlechtskrankheiten oder HIV unterirdisch schlecht informiert sind. Sie sind noch immer in den Bildern der 80er Jahre verhaftet.“

Er selbst führt jedoch ein normales Leben. „Gesundheitlich habe ich keine Einschränkungen und werde vielleicht sogar älter als andere Menschen, die seltener zum Arzt gehen. Wie viele Männer gehen beispielsweise regelmäßig zur Darmspiegelung? Zahnärzte hingegen, die keine HIV-positiven Patienten behandeln oder Ärzte, die groß „HIV“ auf die Patientenakte schreiben, dürfte es heute nicht mehr geben.“ Und auch in der Blutspende sei ein Umdenken gefragt.

Winkler-Ohm selbst war erst einmal, mit 19 Jahren bei der Blutspende. Dennoch gehört es für ihn zum solidarischen Grundgedanken der Gesellschaft: „Ich finde es wichtig, im Ernstfall gut mit Blut versorgt zu sein. Dafür würde ich umgekehrt ebenfalls gerne meinen Beitrag leisten. Gerade für etwas, das unsere Gesellschaft so einfach leisten kann, gehen meines Erachtens viel zu wenige Menschen zum Blutspenden.“ Da er seinen eigenen Beitrag hierzu nicht mehr leisten kann, muss er auf andere hoffen.

Blutspendendienst: Regularien nicht nur für homo-, bi- oder transsexuelle Männer

Blutspenden werden aufwendig und ausgiebig getestet, versichert Patric Nohe. Denn: Die Blutspende in Deutschland unterliegt äußert strengen Regularien und Gesetzen. Aus diesem Grund gibt es Fälle, in deren Rahmen Personen von der Blutspende ausgeschlossen- oder mit einer Wartezeit zurückgestellt werden. Die Gründe sind hierbei vielfältig. Beispielsweise nach Aufenthalten in Malariagebieten oder auch Thailand. Auch nach einer frisch gestochenen Tätowierung oder einem Piercing gilt eine Rückstellung von vier Monaten.

Darüber hinaus sind bestimmte Vorerkrankungen oder die Einnahme gewisser Medikamente inkompatibel mit einer Blutspende. „Die Sicherheit der Blutpräparate sowie der damit verbundene Schutz sowohl unserer Spenderinnen und Spender, als auch der meist schwerkranken Empfänger höchste Priorität“, so Nohe. Alle Faktoren haben ein Ziel gemein: die Blutspende so sicher wie möglich zu machen.

Und zu diesen Faktoren gehören nun mal auch Lebensgewohnheiten und das Sexualverhalten der Spender. „Viren können durch Sexualkontakte übertragen werden und danach unerkannt im Blut zirkulieren. Wir haben das Problem, dass wir zwar testen, aber es gibt eine sogenannte Fensterphase, genannt diagnostisches Fenster.“ Dieses beschreibt die Phase, in der weder das Virus, noch die Antikörper nachgewiesen werden können. Hier greifen die Tests nicht. Entsprechende Phasen können unterschiedlich lang sein und werden vom RKI festgelegt.

Menschen, deren Sexualverhalten per Richtliniendefinition ein erhöhtes Risiko mit sich bringt von der Blutspende zurückgestellt. Auch heterosexuelle Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern sind von dieser Regelung betroffen, ebenso auch die Gruppe MSM, also Männer, die mit Männern Sexualverkehr haben. Hintergrund der Reglung ist eine Studie des RKI, die besagt: Das Risiko ist in der Gruppe MSM um ein vielfaches höher, als in anderen.

Mit Tests ausreichend vorbeugen?

Ein weiteres Argument der Szene hingegen: Betroffene testen sich bei weitem häufiger, als hetereosexuelle Menschen. Warum also wird ein homosexueller Mann in einer langjährigen Beziehung, mit regelmäßigen Tests, anders behandelt, als ein heterosexueller Single-Mann?

Das fragt sich auch Winkler-Ohm: „Natürlich geht die schwule oder queere Community öfter zum Test. Das tun sie wesentlich häufiger, als der heteronormative Rest der Gesellschaft. Gerade was STIs angeht, geht dadurch ein deutlich höherer Schutzfaktor aus. Das ist inzwischen auch wissenschaftlich ausreichend belegt.“ Die größere Herausforderung seien hingegen Menschen, die nie zum Test gehen. Sie fühlen sich vermeintlich gesund, aber stecken andere möglicherweise unwissentlich an. „Und trotzdem wird unsere Community von vornherein mit höheren Auflagen bedacht.“ Menschen, aus seinem Umfeld gehen etwa alle drei Monate zum Test.

„Es gehört zum guten Ton entsprechend zu testen.“

Gesetz gerät ins Wanken

Wie der Münchner Merkur berichtet, soll das Gesetz, das eine Blutspende verhindert allerdings abgeschafft werden. Dafür plädieren FDP, Linke, Grüne und sogar die CSU. So sagt der Münchner Bundestagsabgeordnete Stephan Pilsinger (CSU), dass die Rückstellfrist von 12 Monaten fachlich nicht mehr wirklich begründbar sei. Das diagnostische Fenster wäre hingegen bereits nach sechs bis acht Wochen abgelaufen. Großbritannien hatte eine entsprechende Angleichung bereits im Dezember 2020 vorgenommen.

Einer für alle, alle für einen

Für den Blutspendendienst selbst ist es verpflichtend, sich an die Vorgaben durch Bundesärzteverband und Fachgesellschaften zu halten. Die Sicherheit ist hier das oberste Credo. So lange diese gegeben ist, ist die Überarbeitung der Regularien jedoch richtig und wichtig. „Der Blutspendendienst begrüßt sämtliche Richtlinien, die unter Gewährleistung der Sicherheit zu mehr Blutspenden führen“, sagt Patric Nohe.

Er erinnert jedoch auch daran, sich auch als potentieller Spender nicht über (noch) bestehende Richtlinien hinwegzusetzen. Blutspendendienste sind auf ein vertrauensvolles Verhältnis zu Spenderinnen und Spendern angewiesen, da die ausgefüllten Fragebogen vor einer Spende nicht zur Gänze überprüft werden können. Dadurch ist es auch eine Frage der Ethik, sollten Angaben seitens des Spenders nicht korrekt sein.

„Bei der Blutspende geht es darum, für andere Menschen ein überlebenswichtiges oder lebensrettendes Präparat herzustellen. Im Zweifel können falsche Angaben für Blutempfänger lebensgefährlich sein“, so Nohe.

Zudem sei der Vorwurf gegen den Blutspendendienst per se absurd. „Es steht niemand der Verantwortlichen auf und fragt sich: „Wer darf denn heute nicht Blut spenden?“. Dennoch sei es notwendig, jede Optimierungsmöglichkeit zu nutzen, weil jede Spende benötigt wird.

Wer – auch vorübergehend – nicht zum Spenden zugelassen ist, dem das Thema jedoch am Herzen liegt, der könne beispielsweise Aufmerksamkeit für den Bedarf an Spenden schaffen.

Patric Nohe ist gespannt auf die Entwicklung der Regulierungen und freut sich über jeden, der Blut spenden kann und will. Er stellt abschließend klar:

„Uns als Blutspendendienst ist es egal, woher ein Mensch kommt, oder wen er liebt. Nur Sicherheit zählt.“

Titelbild: © Florian Winkler-Ohm

Show respect: Flo im Friedrichstadt-Palast

Flo mit dem Ensemble des Friedrichstadt-Palast Berlin

Es gibt Tage, die gehören dringend überarbeitet: Karfreitag samt Tanzverbot zum Beispiel. Aber auch am heutigen 1.12. – dem Welt-Aids-Tag – wünsche ich mir einen zeitgemäßeren, lebensfrohen Blick auf das Thema.

Wie sollen Vorurteile und Stigma aus den Köpfen verschwinden, wenn gerade an diesem Tag immer die „alten Bilder von HIV und Aids“ geschürt werden? Ich möchte zwar insbesonders heute an alle denken, die wir an den Folgen von HIV & Aids verloren haben, gleichzeitig jedoch deutlich machen: Diskriminierung und Stigmatisierung ist für Menschen die heute mit dem Virus leben, die größte Herausforderung.

Ich möchte – nicht nur mit diesem Blog – zeigen, dass ein Leben mit HIV heute kein großes Thema mehr ist. Das es höchste Zeit ist, falsche Annahmen über die Infektion und damit einhergehende Diskriminierung von uns HIV-Positiven endlich zu beenden.

Es ist 2019. Trotz bester medizinischer Versorgung hierzulande werden Menschen mit HIV immer noch ausgegrenzt, haben Herausforderungen in der Partnerschaft, im Job oder im Gesundheitswesen.

Daher wollte ich heute unbedingt einen äußerst positiven Film ins Netz stehen. Mit ganz viel Lebensfreude und jeder Menge guter Laune.

Ich danke dem Friedrichstadt-Palast Berlin für die großartige Unterstützung: Respect each other. Zeig Respekt. Für ein Leben mit HIV.

Flo tanzt mit dem Ensemble des Friedrichstadt-Palast Berlin

Mehr Infos zum Friedrichstadt-Palast und den aktuellen Shows findest du auf https://www.palast.berlin/

Ich freue mich, wenn du dieses Video teilst und damit etwas gute Laune am Welt-Aids-Tag verbreitest. Danke für deine Unterstützung.

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PoBe: Wir sind normaler als die Normalen hier

Von wegen Sommerloch – der August hat es in sich. Denn nach der Welt-AIDS-Konferenz in Amsterdam schließt der heißeste Monat des Jahres ab heute mit den Positiven Begegnungen (kurz: PoBe) in Stuttgart ab. Europas größte Selbsthilfekonferenz im HIV-Bereich findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Gleich zu Beginn bringt es die wunderbare Schirmfrau Laura Halding-Hoppenheit auf den Punkt:

„Wir sind normaler als die Normalen hier“

Die Stimmung auf der gerade stattgefundenen Eröffnungsfeier ist großartig.

Es ist ein großes Familientreffen, mit dem Unterschied das sich hier anders als in anderen Großfamilien die meisten mögen 😉 Es ist schön, wenn sich alle zwei Jahre die Community hier wieder trifft, gemeinsam an Themen arbeitet, diskutiert und ein Zeichen für mehr Sichtbarkeit von HIV-Positiven Menschen setzt.

Schlimm genug, dass die Konferenz im Jahr 2018 immer noch nötig ist – denn noch längst ist die Lebensrealität für HIV-Positive Menschen geprägt von Stigmatisierung, Diskriminierung und Ausgrenzung: das aktzeptieren wir nicht mehr.

„Wir sind überall“ heißt der Slogan der diesjährigen PoBe. Und in der Tat: Wir sind inzwischen überall: in der Politik, in Führungspositionen, im Bett nebenan. Im KFZ-Gewerbe gleichermaßen wie im Cockpit eines Flugzeugs: alle einst gültigen Ausschlüsse in Berufen sind längst Geschichte: Mit HIV kann man alles werden.

Neben der beruflichen Sicht auf die Infektion bleibt aber immer noch die Frage: Wie gehen unsere Familien, unsere Freund_innen, unsere Partner_innen mit uns um. Wieviel Menschen hättten bedenklos Sex mit einem Menschen unter der Nachweisgrenze, der nicht mehr infektiös ist? Wie verbreitet ist das Wissen um die Nichtinfektiösität in der breiten Bevölkerung?

Leider immer noch sehr schlecht. Eine unglaubliche Prozentzahl an Befragten würde einen Menschen mit HIV nicht küssen, nicht eine gemeinsame Toilette benutzen oder vom gleichen Teller essen: Die Diskriminierungserfahrungen, die wir tagtäglich erleben, müssen ein Ende haben.

Dafür kämpfen wir gemeinsam als Community in den nächsten Tagen in Stuttgart. Ein Kampf, der nicht immer einfach ist und für den wier viel Kraft und Anstrengung benötigen um ihn physisch aber auch psychisch überstehen zu können. Ich weiß von was ich rede: Mit dem heutigen Tag endet meine Amtszeit als PositHIVes Gesicht – einem besonderen Organ der Deutschen AIDS-Hilfe.

Die Menschen, die ich in diesem Gremium kennenlernen durfte, waren großartig, emphatisch, voller Lebensenergie und Mut ihre Diagnose und Offenheit zum Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Dass das große Engagement von vielen Aktivist_inenn jedoch auch immer wieder an Hürden scheitert, das Grenzen von Außen gesetzt werden und Selbsthilfe nicht immer frei agieren kann, macht mich mehr und mehr fertig.

Im Rahmen der Positiven Begegnungen hier in Stuttgart wird der Film 120 bpm gezeigt – er beschreibt das atemberaubende Engagement der Act up Aktivist_innen in Frankreich zu Zeiten der größten AIDS-Krise in den 80er Jahren des letzens Jahrhunderst. Die Menschen und Akteure dieser Zeit sind mein großes Vorbild: Sie waren frei vom Gefühl angepasst agieren zu müssen, frei von auferlegten Vorgaben des Wordings, frei von Abstimmungsprozessen mit behördlich anmutendnen Strukturen.

Sie waren getrieben vom Tod der um sie herum alles vereinnahmte, was er in seine Finger bekommen konnte. Ihr Antrieb war purer Überlebenswille und die einzige Hoffnung bestand darin, die Pharmaindustrie dazu zu bringen, Medikamente die längst erforscht waren den Menschen zugänglich zu machen, die sie so dringend benötigten.

Dafür hielten sie sich an keine Vorgaben, keine Auflagen, kein Absprachen: Sie schmissen Farbbeutel mit blutroter Farbe in die Konferenzräume der Pharmaindustrie, sie stürmten Kongresse, sie kämpten für ihr Recht zu leben.

Wenn ich diesen Film als Maßstab nehme,sind unsere Aktivitäten heute lächerlich und beschämen mich. Wir haben an Antriebskraft verloren und gar nicht gemerkt wie wir Stück für Stück in ein Korsett von behördlichem Wahnsinn gedrängt wurden – aus Gründen von abhängiger Finanzierung, aus der auferlegten Bevormundung von staatlichen Behörden die sich unserem Thema annahmen und der Tatsache heraus, dass unsere Freund_innen glücklicherweise mehr und mehr dem Tod von der Schippe sprangen.

Wir haben überlebt – mit Virus und Dauermedikation. Wir sind die Gewinner_innen und dennoch nur noch ein Schatten unserer Vorreiter_innen vor denen ich heute zutiefst den Hut ziehe.

Die Selbsthilfe ist jedoch alles andere als am Ende. Sie ist lediglich in meinen Augen mitunter zu angepasst, zu bequem und zu wenig streitbar.

  • Ich wünsche mir, dass wir uns da ein Stück bewegen. Nicht aus Sentimentalität für frühere Zeiten, sondern aus purer Überzeugung dass wir auch nach wie vor der Motor der HIV- und Aids-Arbeit sind.
    • Es ist an uns zu bennenen, was schief läuft.
      Es ist an uns zu fordern, was wir brauchen.
      Es ist an uns, wir selbst zu sein.

    Ich werde es versuchen: Hier auf den Positiven Begegnungen in Stuttgart aber auch danach.

    Zu oft habe ich mich in letzter Zeit über die Funktion der Selbsthilfe geärgert, über mangelnde Unterstützung von Stellen die eigentlich für uns arbeiten sollten, statt wir für sie.

    Aber es ist eben vor allem zu allererst die Selbsterkenntnis: Wer, wenn nicht wir bestimmt was läuft. Und es ist viel Balsam für die HIV-Ativist_innenseele hier auf der PoBe so vielen Menschen zu begegnen in denen immer noch das Feuer brennt.

    Lassen wir dieses Feuer niemals zu einem unlöschbaren Brand werden, aber wenn nötig, unter die Ärsche halten, die es sich mitunter viel zu bequem in ihren staatlich bezahlten Sesseln gemacht haben.

    Selbsthifle rockt. Immer noch. Auch 2018.

    Packen wirs gemeinasam an – wir sind schließlich überall. Und wenn die Selbsthilfe eins ist dann ganz bestimmt normaler als die Normalen hier. Da hast du absolut recht, liebe Laura.

    Selbsthilfe darf alles: laut sein, unangepasst sein, fordernd sein – denn schleßlich gehts um uns. Vielleicht wird es also Zeit, dass wir wieder mal anfangen, mit blutroten Farbbeutel um uns werfen, statt Angst zu haben einen HIV-Community-Aufkleber an die Toilettenwand des Maritim-Hotel zu kleben.

    Euer Flo

    Ich freue mich, wenn ihr meinem Blog folgt (unten rechts FOLGEN klicken) oder diesen Beitrag kommentiert bzw. teilt. Herzlichen Dank für eure Unterstützung. ❤️

    Auf Wiedersehen, Amsterdam.

    ❤️lichen Dank euch allen für die großartige Unterstützung zur Welt-AIDS-Konferenz.

    Auch in den nächsten Tagen blogge ich hier noch Videointerviews mit spannenden Menschen, engagierten Aktivist_innen und Freund_innen im gemeinsamen Kampf für die Rechte von Menschen mit HIV & AIDS.

    Es bleibt spannend. Es bleibt viel zu tun. Es bleibt eine Herausforderung.

    Bye, bye aus Amsterdam – euer Flo. 💋

    Sexwork is work

    Gestern Abend war ich auf einem Highlight der Konferenz: der Sex Worker´s Opera.

    Ein Theaterstück das von Sexarbeiter_innen und ihren Freund_innen initiert und auf die Bühne gebracht wurde – schon lange habe ich nicht mehr so etwas empowerndes, ergreifendes und lehrreiches gesehen wie dieses Kunstprojekt.

    Im ältesten Gewerbe der Welt gibts viele Herausforderungen – und viele tolle Menschen die im Rahmen der Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam für diese Rechte kämpfen. Denn: Sexarbeit ist Arbeit.

    In keinem anderen Gewerbe gibt es wohl so viel Voreingenommenheit, Stigmatisierung, falsch verstandene Fürsorge und gleichzeitig so wenig Rechte für die Menschen die diesen Beruf gewählt haben.

    Diesen Problemen hat sich das Projekt Sex Workers Opera angenommen und einen 3stündige Initierung auf die Bühne gebracht, die sich mit großen Theaterhäusern in der Qualität auf jeden Fall messen darf.

    22 Mitwirkende erzählen ihre Gesichten, singen, tanzen und performern aus der Welt ihrer Arbeit und machen dabei klar: ihre Arbeit ist genausowenig illegal wie jede andere Arbeit auch. Es muss endlich ein Ende damit sein, die Menschen die sich im ältesten Gewerbe der Welt engagieren zu kriminalisieren, sie zu verfolgen, anzuklagen und der Willkür von Polizei und Behörden auszusetzen.

    Es fehlt am Schutz für diese Personengruppe – vermeintliche Prositutionsgesetze sind nicht im Sinne der Sexarbeiter_innen. Im Gegenteil: Das „Schwedische Modell“ – ein Gesetz dass fortan die Freier kriminalisiert ist nicht im Sinne der Community: Denn wie sollen Menschen ihre Rechnungen, ihre Miete, den Babysitter bezahlen wenn plötzlich die Nachfrage aus Angst vor Verfolgung kleiner wird.

    Wie sieht es mit der eigenen Familie vieler Sexarbeiter_innen aus: Wie akzeptiert werden selbstbestimmte Sexarbeit, wie viel Empowerment, wie viel Freundschaften, wieviel Unterstützung bekommen Menschen aus diesem Bereich?

    Mit welchem Recht nehmen sich Staaten raus die in diesem Gewerbe arbeitenden Menschen so zu behandeln? Warum bekommen diese Menschen nicht den gleichen Zugang zur HIV-Medikation wie andere Gruppen?

    Es lohnt sich ins Gespräch zu kommen – hier auf der Konferenz oder wann immer es die Möglichkeit gibt:

    Nothing about us. Without us.

    Gilt auch für Sexarbeit.

    Elton John rastet aus: „That makes me fucking crazy“

    Ich mag ja etwas Drama. Ob im SchwuZ oder auf der Welt-AIDS-Konferenz: Menschen mit Leidenschaft sind großartig. Auch Elten John besuchte die Konferenz die noch bis Freitag in Amsterdam stattfindet und rastete hier in der Konferenz kurz aus:

    „That makes me fucking crazy“

    Hintergrund seiner völlig berechtigten Wut ist die Diskriminierung der LGBTIQ*-Community in Osteuropa. Die Lage für Menschen mit HIV hat sich dort drastisch verschlechtert: Mehr als 100.000 HIV-Neuinfektionen pro Jahr verzeichnet derzeit Russland. Tendenz steigend.

    Was für ein Wahnsinn – denn weltweit gehen die Neuinfektionen eigentlich zurück. Wer nach den Gründen für diese Entwicklung sucht, findet schnell die Lösung: Die Homophobie der Regierung verhindert den Zugang zur Medikation: HIV-Aktivist_innen werden weggesperrt, es gibt keinerlei Zusammenarbeit mit NGO-Organisationen wie dies beispielsweise in Deutschland der Fall ist.

    UNAIDS ist „äußerst besorgt“ und zwar zu recht: Denn in Russland erhalten 1/3 der von HIV-betroffenen Menschen keinen Zugang zu Medikamenten. Die Folge: eine HIV-Epidemie in Osteuropa mit dramatischen Infektionszahlen.https://www.instagram.com/p/BlnYO-EnFez/?utm_source=ig_share_sheet&igshid=1ww8bk1365hm8

    „Politiker müssen menschlicher werden“ forderte daher Elton John wenn das Ziel – die AIDS-Epidemie bis 2030 zu beenden – auch erreicht werden soll. In seiner flammenden Rede mahnte er dazu endlich alle Menschen als Menschen zu behandeln und nicht als Angehörige verschiedener Gruppen.

    Die Diskriminierung von drogengebrauchenden Menschen, von Menschen mit HIV, von Menschen der LGBTIQ*-Community in Osteuropa ist derzeit das wohl größte Problem der globalen Anstrengungen im Kampf gegen HIV/Aids.

    Dieser Virus macht vor keiner Grenze halt. Wenn es uns nicht als Welt-Gemeinschaft gelingt auf die Regierungen in Osteuropa einzuwirken kann der Kampf gegen Aids nicht gelingen.

    Wenngleich ich etwas Drama mag: Lasst uns dieses Drama gemeinsam beenden.

    HIV 2018: Zwischen PrEP-Euphorie & explodierenden Neuinfektionszahlen in Osteuropa

    „Breaking Barriers – Building Bridges“ (Barrien überwinden – Brücken bauen) – so lautet das Motto der 22. Internationalen AIDS-Konferenz, die in diesem Jahr zu Gast in den Niederlanden ist.

    Bis zum 27. Juli treffen hier in Amsterdam über 15.000 Menschen aufeinander: Ärzt_innen, Journalist_innen, die Vertreter_innen der Pharmaindustrie und jede Menge HIV-Aktivist_innen aus aller Welt: gemeinsam planen, diskutieren und fordern wir das Ende der Aids-Epidemie bis 2030.

    Die Konferenz ist zum zweiten Mal nach 1992 in Amsterdam und zählt heutzutage zu den sogenannten Fast-Track-Citys die in besonderem Maße am Ziel Aids bis 2030 zu beenden mitwirken.

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    Seit der letzten Welt-AIDS-Konferenz in Südafrika ist viel passiert. Die PrEP (mit der man sich mittels Tablette vor einer HIV-Infektion schützen kann) hat in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren eien wahrhaftige Erfolgsgeschichte hingelegt: Mit Wegfall der Patentrechte senkte sich der monatliche Bezugspreis von über 800 Euro auf durchschnittlich 40 Euro: die PrEP wurde zum finanzierbaren HIV-Schutz.

    Die Wirksamkeit dieser Methode überzeugte nunmehr auch den Bundesminister für Gesundheit – pünktlich zum Start der Welt-AIDS-Konferenz erklärte gestern das Ministerium, dass beabsichtigt sei die PrEP als Krankenkassenleistung zu etablieren.

    Mit der PrEP auf Rezept steigt Deutschland in die Königsklasse der HIV-Versorgung auf.

    Andere europäische Länder haben diesen Schritt schon früher gewagt. Das Ergebnis sind deutlich gesunkene Neuinfektionszahlen und eine gute Annahme dieser HIV-Prophylaxe insbesondere in der MSM-Szene (Männer, die Sex mit Männern haben).

    Die Welt ist ein Dorf. Leider nur nicht wenn es um HIV-Versorgung geht.

    Diese Konferenz – die eigentlich erst am Montag startet – und mit den derzeitigen Vorkonferenzen gerade erst an Fahrt aufnimmt spiegelt jetzt schon deutlich in welcher priviliegierten und glücklichen Situation wir in West-Europa leben. Bei meinem Besuch vor zwei Jahren auf der Konferenz in Südafrika waren wir zu Gast in einem Land mit der von HIV am höchsten betroffenen Bevölkerung.

    Ich möchte diese Konferenz nutzen um nicht nur über den Fortschritt in West-Europa zu berichten, über die Erfolge der PrEP und den großartigen Aktionismus der Community im Kampf gegen Stigma, Ausgrenzung und Diskriminierung.

    Ich möchte den Finger auch in die Wunde legen die brennt: Denn während nunmehr auch in Deutschland in Kürze der Schutz durch eine Pille vorab vor HIV seinen entscheidenden Schritt zur Beendigung der Aids-Epidemie leisten wird, sterben in vielen Teilen dieser Welt noch immer die Menschen an den Folgen des Virus.

    Über 40 Prozent der Menschen mit HIV auf der Welt fehlt nach wie vor der Zugang zu wirksamen Medikamenten: weil Medikamente nicht verfügbar, nicht finanzierbar, nicht bekannt sind. Wenn die Therapiequote weltweit laut Angaben von UNAIDS bei knapp 60 Prozent liegt, bedeutet dies das noch immer über 40 Prozent der Menschen an den Folgen von Aids sterben.

    • Wie soll das Ziel Aids bis 2030 zu beenden gelingen, wenn wir derzeit in osteuropäischen Ländern eine Zunahme der Infektionszahlen verzeichnen?
    • Wie lässt sich Prävention und Aufklärung in Ländern betreiben, die nach offiziellen Angaben keine HIV-Fälle haben?
    • Wie kann es gelingen Länder wie Russland oder Nigeria in denen rund ⅔ aller HIV-Infizierten keinen Zugang zur Behandlung haben in das Vorhaben #EndingAIDS2030 zu integrieren?
    • Wie können wir den Menschen südlich des Äquators helfen, die immer noch an diesen Virus ihr Leben verlieren?
    • Wie ermöglichen wir einer ganzen Genration von Aids-Waisen ein zukunftsorientiertes Leben?

    Seit meiner Zeit in Südafrika hat sich mein Leben verändert. Die vielen Kinder die auf der Straße als Aids-Waisen ein Leben am Rande der Gesellschaft führen, die Gespräche mit HIV-Aktivist_innen aus Russland die täglich mit ihrer Verhaftung rechnen, die Ohnmacht von Hilfsorganisationen die sich um Sexarbeiter_innen, drogengebrauchende Menschen und Kinder mit HIV kümmern – sie alle waren und sind Ansporn für mich all meine Energie in den HIV-Aktionismus zu stecken, aufzurütteln, das Thema zu verbreiten, laut zu sein.

    Und zwar solange bis kein Mensch mehr auf dieser Welt an den Folgen von Aids sterben muss – gleich ob das nun bis 2030 gelingt oder nicht. Lasst uns also in den nächsten acht Tagen hier in Amsterdam gemeinsam die Zeit nutzen, dort hinzuschauen und die mediale Aufmerksamkeit hinzulenken wo sie am dringendsten benötigt wird: Ruhen wir uns bitte nicht auf den Erfolgen der Gesundheitspolitik in unserem Land aus, sondern nutzen wir die dadurch erlangte Kraft für die HIV-Freund_innen auf der Welt die uns dringend brauchen.

    Das ist meine Sicht auf das Motto: Barrien überwinden – Brücken bauen.

    Packen wir´s an. Es gibt noch so viel zu tun. Goedendag aus Amsterdam. Hallo Welt.

    #AIDS2018

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    Stigma – zurück an Absender: Lillian über Vorurteile & Diskriminierung

    lilianHIV-positive Menschen werden allzu oft stigmatisiert und diskriminiert. Lillian Petry kämpft gegen derartige Vorurteile – insbesondere, weil Menschen aus anderen Kulturkreisen und mit einer anderen Hautfarbe weiterer Stigmata ausgesetzt sind.

    Sie wünscht sich, dass Menschen sich besser informieren statt andere zu stigmatisieren und diskriminieren.

    Im Rahmen der Positiven Begegnungen in Hamburg sprach sie mit flosithiv.com

     

     

    Deswegen möchte ich an dieser Stelle auch auf die

    IMG_2969Kontaktstelle zu HIV-bedingter Diskriminierung
    Kerstin Mörsch
    Deutsche AIDS-Hilfe e.V.
    Wilhelmstr. 138
    10963 Berlin
    Telefon: 030 690087-67 (Bürozeiten: Mo, Di und Fr, 9–15 Uhr)
    E-Mail: gegendiskriminierung@dah.aidshilfe.de.

    aufmerksam machen.

     

     

    HIV & Fußball: Zeit, dass sich was dreht

    Das ich mal über Fußball schreibe – der Sportart der ich durch konsequentes Turnbeutelvergessen – schon in Schulzeiten so gekonnt aus dem Weg gegangen bin – hat hier einen guten Grund: Und der heißt FC St. Pauli.

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    Gestern Abend starteten in Hamburg die Positiven Begegnungen 2016 (PoBe)- bis Sonntag diskutiert, plant und organisiert hier die HIV-Community was in Sachen HIV gerade so läuft, was sich verändern muss und wo mal so richtig auf den Tisch gehauen werden muss.

    Der Profifussball wäre da so ein Beispiel. Zwar hängen in den meisten Stadien inzwischen große Banner die für Gleichberechtigung und gegen Stigmatisierung werben – die Realität in den meisten Vereinen sieht hier jedoch leider noch anders aus. Grund genug also das Motto der PoBe – Sei ein Teil der Lösung – ernst zu nehmen um hier an Veränderungen zu arbeiten.

    Dies lies sich der FC St. Pauli nicht zweimal sagen: „Unser Verein ist bekannt für sein Engagement gegen Sexismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homopobie, gegen Ausgrenzung in jeder Form“ sagte gestern Abend im Rahmen der Eröffnung Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli. Für die Positiven Begegnungen in Hamburg hat er die Schirmherrschaft übernommen.

    Der Verein ist – um mal in der Fußballsprache zu bleiben – Tabellenführer im Profifußball in Sachen Engagment für Emanzipation in einer Welt, in der das nicht selbstverständlich ist. Ausgrenzung von Minderheiten ist im Fußball noch immer furchtbar präsent.

    Ausgrenzung eine Absage zu erteilen und Selbstverständlichkeit zu demonstrieren sind die Kernbotschaften der Eröffnungsrede des Schirmherrn:

    Oke„Wir möchten deutlich machen: Eine HIV-Infektion muss und sollte keine Rolle spielen im Alltag. Nicht im Stadion und nicht beim Zahnarzt. Nicht auf dem Spielfeld und nicht am Arbeitsplatz. Nicht am Stammtisch und nicht in der Familie.“

    Es sind starke Worte die auf begeisterte Zuhörer treffen im Audimax der Bucerius Law School – der Arena der Eröffnung – wie Holger Wicht, Moderator der Eröffnungsveranstaltung und Pressesprecher der Deutschen AIDS-Hilfe – sie in Erinnerung an die gerade zu Ende gegangen Olympischen Spiele getauft hat.

    Es ist ein wichtiges Zeichen für einen selbstverständlicheren Umgang im Fußball der gestern hier gesetzt wurde – eine Punktlandung schon zum Auftakt der PoBe: “ Wo Menschen Angst haben, müssen wir aufklären. Zu viele Leute wissen noch nicht, dass HIV durch eine Blutgrätsche nicht übertragen werden kann“ – der Saal – gefüllt mit rund 400 Teilnehmern aplaudiert.

    OkeUnd Göttlich fährt fort: „Diesen Menschen müssen wir erklären, dass man HIV ohne Problem Fußball spielen kann, so wie man alles tun kann: Alt werden, arbeiten Sex haben, Sport treiben. Das müssen wir immer wieder deutlich sagen und vor allem zeigen.“

    Und er hat Recht. Es ist Zeit das sich was dreht hat Herbert Grönemeyer zur letzten WM bereits gesungen: Wo wir Zurückweisung begegnen, müssen wir erst die gelbe und dann auch mal die rote Karte ziehen. Augsrenzung ist nicht akzeptabel!

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    Zeit, dass sich was dreht – sang ja schon Herbert Grönemeyer zur Fußball WM 2012 – und hey, wenn Herbert das singt muss das stimmen. Der hatte doch schon mit seinem Song „Männer“ recht…;-)

    Bin dann mal ne Rund Fußballspielen und ihr könnt hier nochmal ganz entspannt den Herbert lauschen:

    Foto: DAH/Johannes Berger

    Mit HIV zum Zahnarzt: Kein Märchen für die Zahnfee…

    Nein er hat nicht gebohrt. Auch dieses Mal wieder nicht. Ich habe eine sehr gütige Zahnfee: Denn mit meinen knapp vierzig Jahren – die sich mehr nach knapp über zwanzig anfühlen (Widerspruch/Kommentare zu diesem Thema werden gelöscht 😉 – verschont sie mich noch immer vor diesen schrecklicken Instrumenten und Bohrern die in Griffweite meines Zahnarztes auf einem schnell herklappbaren Tischchen angsteinflößend auf ihren Einsatz warten.

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    Ob es am guten Zähneputzen liegt oder schlicht an einer erblichen Veranlagung kann ich nicht sagen – aber bisher konnte in meinem Leben noch kein Zahnarzt mit mir wirklich Geld verdienen. Mein Vater redete als Kind mir immer ein, er könne mittels einer Videokamera im Bad mich beim Zähneputzen beobachten. Sollte mich natürlich nur zum tatsächlichen putzen animieren. Und war natürlich nur ein Spaß. Dennoch frage ich mich manchmal was heute wohl passieren würde, wenn ein Kind im Kindergarten erzählt „Mein Papa hat im Bad eine Videokamera mit der er mich beim Zähneputzen beobachtet.“ Ich glaube das kommt nicht mehr gut an. Da kommt heute statt der Zahnfee die SOKO Kinderschutz und stürmt das Haus.

    Wäre damals sicher auch lustig gewesen, habe ich aber versäumt. Nichts desto trotz hat diese schwarze Pädagogik wohl dazu geführt, dass ich immer ordentlich die Zähne geputzt habe. Schöne Zähne, keine Probleme beim Zahnarzt. So war das immer.

    Bis ich meine HIV-Diagnose bekam und meinen Zahnarzt – damals noch in Augsburg – mit gleicher Offenheit über diese Infektion begegnet bin, wie der ganzen Welt heute mit diesem Blog.

    HIV & Zahnärzte – das ist seit jeher eine eher bissige Verbindung. Mangels Wissen berichten mir auch in der Präventionsarbeit immer noch viele Positive von Schwierigkeiten beim Zahnarztbesuch. Da gibt es Fragebögen in denen vorab nach der Infektion gefragt wird, da gibt es plötzlich keine freien Termine mehr oder man wird mit dem Hinweis auf besondere Desinfektion auf das Ende der Sprechzeit terminiert. Sicherheitshalber erst kommen, wenn der letzte HIV-freie Patient schon weg ist.

    Hier sind die Top 5 der Probleme beim Zahnarzt für HIV-Positive:

    • Sie erhalten beim Arzt oder Zahnarzt keinen Termin. Einem Fünftel der Befragten beim „HIV-Stigma-Index“ war in den zwölf Monaten vor der Befragung eine medizinische Behandlung verweigert worden.
    • Oft erhalten HIV-Positive nur den letzten Termin am Tag. Begründung: Nach ihrem Besuch seien besondere Desinfektionsmaßnahmen erforderlich.
    • Die HIV-Infektion wird nicht immer vertraulich behandelt, z.B. gegenüber anderen Patienten.
    • Krankenakten werden manchmal mit von außen sichtbaren Vermerken gekennzeichnet.
    • Bestimmte Maßnahmen (z.B. Operationen oder Entbindungen HIV-positiver Frauen) werden nicht durchgeführt, weil das Personal nicht ausreichend über HIV informiert ist.

    Auch in meiner früheren Heimat Augsburg hatte ich mit derartigen Problemen zu kämpfen. Das sind Tatsachen die wir so nicht hinnehmen dürfen – hier geht’s um Stigmatisierung.

    Deswegen möchte ich an dieser Stelle jeden auf die

    Kontaktstelle zu HIV-bedingter Diskriminierung
    Kerstin Mörsch
    Deutsche AIDS-Hilfe e.V.
    Wilhelmstr. 138
    10963 Berlin
    Telefon: 030 690087-67 (Bürozeiten: Mo, Di und Fr, 9–15 Uhr)
    E-Mail: gegendiskriminierung@dah.aidshilfe.de.

    aufmerksam machen. Kerstin Mörsch dokumentiert derartige Fälle, vermittelt, klärt auf und hilft und macht somit diese Welt ein kleines Stückchen besser – jeden Tag.

    „Für eine stigmatisierende Sonderbehandlung gibt es keinen vernünftigen Grund. Wenn die normalen Hygienevorschriften eingehalten werden, ist eine HIV-Übertragung im medizinischen Alltag ausgeschlossen. HIV-positive Patienten können behandelt werden wie alle anderen. Medizinisches Personal sollte das wissen und mit gutem Beispiel vorangehen“, meint auch Dr. med. Georg Behrens, Präsident der Deutschen AIDS-Gesellschaft (DAIG).

    Auch die Bundeszahnärztekammer hat die Schwierigkeiten längst erkannt und hilft mit ihre Zahnärzte aufzuklären. Doch obwohl das Problem nicht neu ist, scheint die Diskriminierung nur sehr langsam aus den Behandlungszimmern von einigen Zahnarztpraxen zu verschwinden.

    Umso wichtiger ist es auch mal zu sagen wo es so richtig gut läuft – zum Beispiel bei meinem Zahnarzt Dr. Jens Ude in Berlin. Das kleine Team ist hochprofessionell – HIV ist dort kein Thema, der Patient steht im Mittelpunkt – egal mit welchem HIV-Status.

    Wer in Berlin noch einen Zahnarzt braucht – meine Empfehlung:

    www.zahnarztpraxis-ude.de

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    In der Hoffnung das HIV & Zahnärzte hoffentlich in der Zukunft kein Thema mehr ist über das man schreiben muss, widme ich mich jetzt mal kurz dem Packen für die Positiven Begegnungen 2016 in Hamburg – morgen geht’s da los.

    Und sicherheitshalber putze ich gleich nochmal die Zähne, wer weiß ob Papa nicht vielleicht doch zuschaut. Derartige Erziehungsmethoden machen zwar schöne, weiße Zähne aber eben auch eine Paranoia 😉

    Irgendwie wäre mir da die Zahnfee lieber gewesen…