PositHIVe Weihnachten!

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Welche Farbe hat euer Weihnachtsbaum?
Nehmt ihr Lametta oder nicht?
Was gibts bei euch an Heiligabend zu Essen?

Das sind die drei häufigsten, heute in vielen sozialen Netzwerken gestellten Fragen. Und ich verspreche euch: Alle drei beantworte ich euch. Mein einziger Wunsch: Lest bis zum Ende.

Ja ist denn schon wieder Weihnachten? Tatsächlich, wir haben Heiligabend.

Doch zum ersten Mal kommt dieser Tag nicht vollkommen überraschend. Zum ersten Mal in meiner knapp 30jährigen Lebensgeschichte (die Vorsätze mit dem Lügen kommen erst zu Neujahr) hetze ich nicht noch am 24.12. von Geschäft zu Geschäft um das zu holen, was eigentlich eh keiner braucht – Geschenke.

Gründlich vorbereitet und mit einem Vorsatz für besseres Zeitmanagement bin ich in das nunmehr sich dem Ende zuneigenden Jahr gestartet. Ein Anti-Stress-Seminar in der für HIV-positive geschaffenen Bildungseinrichtung Waldschlösschen gab den Impuls.

Und so kaufte ich konsequent ab Ende August die ersten Lebkuchen, trank ab Oktober Glühwein statt Cola und genoß mit tausenden anderen zeitoptimierten Menschen die Eröffnung der Weihnachts- und Wintermärkte im November.

Wer sich so gründlich sechs Monate lang auf diesen Tag einstellt und vorbereitet, dem bleibt am heutigen Tag unendlich viel Zeit – beispielsweise um euch nochmals hier im Blog zu schreiben.

Ganz jung ist unsere gemeinsame Verbindung noch und dennoch ist die Zahl derer die diesen Blog seit seiner Gründung im Juli verfolgen enorm. Über 80.000 Menschen lasen allein während der Welt-Aids-Konferenz in Durban/Südafrika bei „flosithiv“ mit. Menschen die ich nicht kenne und die dennoch verstanden haben, wie wichtig es 2016 ist, die Bilder vom Leben mit dem HI-Virus mit neuem Leben zu erfüllen.

Dies war mein Antrieb zum Schreiben dieses Blogs: Ich wollte erreichen, dass möglichst viele Menschen ein zeitgemäßes Bild über das Leben mit HIV bekommen, über aktuelle Entwicklungen im Bereich der Forschung lesen können aber auch ein Verständnis dafür entwickeln, mit welchen großen Herausforderungen – wie der Diskriminierung und der Stigmatisierung – HIV-Positive aktuell zu kämpfen haben.

Ich hab ein positives, glückliches Leben – mit dem Virus. Seit dem Tag meines positiven Testergebnisses treffe ich auf engagierte, liebenswerte und großartige Menschen, die sich in diesem Bereich engagieren – ob haupt- oder ehrenamtlich.

Sie waren und sind Vorbild auch für meine Präventionsarbeit egal ob in Vorträgen, in Schulen, auf CSDs und Straßenfesten oder eben in diesem Blog und ich bin unendlich dankbar, weil diese Art von Engagement eine unglaublich wertvolle Erfüllung darstellt.

Liebe und Wertschätzung sollten unsere Gesellschaft prägen. Die Menschen, die ich euch in diesem Jahr hier auf flosithiv.com vorgestellt haben tragen diese Eigenschaften. Sie sind allesamt Teilchen eines großen Uhrwerks mit vielen kleinen Bestandteilen, welches HIV-Selbsthilfe heißt.

Es sind Menschen die andere auffangen, begleiten, manchmal auch anstupsen oder zurückhalten.

Und deswegen bedanke ich mich an dieser Stelle bei allen die 2016 mitgeholfen haben, das große Uhrwerk der HIV-Selbsthilfe am Laufen zu halten. Ohne euch wäre die Welt ein großes Stück ärmer. Wie arm, das durfte ich im August zur Welt-Aids-Konferenz in Durban/Südafrika erleben – einem Land in dem tausende Menschen sich nach wie vor an HIV infizieren, in dem ich auf den Straßen einer Generation von Aids-Waisen begegnet bin und in der mich im Supermarkt eine Einheimische fragte, ob die Welt denn Afrika vergessen hätte.

Keep the promise to africa – Haltet das Versprechen für Afrika mahnten tausende Kongressteilnehmer auf Welt-Aids-Konferenz in Durban. Es geht um den Zugang zu Medikamenten, der noch lange nicht allen Menschen auf dieser Erde möglich ist. Noch immer entscheidet der Geburtsort, Geld, Hautfarbe, Geschlecht oder Regierungen darüber, ob auf eine HIV-Infektion ein gut eingestelltes, inzwischen meist gut verträgliches Leben mit Medikamenten folgt oder irgendwann der Übergang in den Status Aids und in vielen Fällen ein viel zu früher Tod.

In der glücklichen Lage zu sein, dass mein Leben vollkommen ohne Kompikationen mit dem Virus verläuft ist ein unglaubliches Geschenk für das ich dankbar bin, zeitgleich aber auch der Auftrag mehr als bisher zu tun, damit wir das was wir im Sommer in Afrika als großen Vorsatz an die Welt sendeten auch erfüllen: Aids bis 2030 zu beenden.

Danke an alle, die mit mithelfen, dass diese große Herausforderung gelingt.

Euch allen ein friedliches und erfülltes Weihnachtsfest im Kreise der Menschen, die euch lieben.

Euer Flo
PS: Die Antworten auf die heute eingangs erwähnten häufigsten Fragen in sozialen Netzwerken lauten für meinen Heiligabend: rot, ohne und Raclette – aber mal ehrlich: Waren das die wirklich wichtigen Fragen?

Mein Weihnachten war gestern

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Ja, ich weiß – Blogs sollen und müssen um besonders erfolgreich zu sein thematisch sein, strukturiert, sich einem festen Thema verpflichtend. Mein Blog versucht dies mit der großen und spannenden Welt von HIV/Aids – großen Neuerungen in der Forschung und kleinen Geschichten über HIV-positive Menschen wie du und ich.

Heute jedoch bitte ich um Akzeptanz für eine Ausnahme: Eine Ausnahme die ich den beiden Schutzengeln widme – von denen mir an dieser Stelle vollkommen gleich ist, ob sie männlich, weiblich oder keines von beidem sind, ob sie eine schwule Identität haben oder als Trans-Engel glücklich sind, ob sie schwarze, rote oder weiße Haut haben und ob sie große oder kleine Flügel tragen.

Fakt ist: Mein Freund Tom und ich hatten gestern Abend zwei krass-coole Schutzengel*innen.

Wir wohnen in Berlin am Wittenbergplatz – nahe dem KaDeWe – und rund 400 Meter entfernt von dem Ort, an dem gestern ein Mensch versucht hat, die Leben vieler anderer auszulöschen und die Wertevorstellung einer ganzen Gesellschaft damit ins Wanken zu bekommen.

Nahezu jeden Abend sind Tom und ich in der Vorweihnachtsfeier auf genau jenem Markt vor unserer Haustür am Breitscheidplatz, den jetzt nahezu die ganze Welt kennt. Wir sind begeisterte Cineasten und gehen fast täglich ins Kino. In der Adventszeit fast nie ohne die in unseren Augen beste Feuerzangenbowle von ganz Berlin – auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

Genau das hatten wir auch gestern vor.

Gegen 19.30 Uhr schrieb ich Weihnachtskarten und Tom verkabelte unsere Stereoanlage neu. Und wenn Tom etwas macht, dann gründlich. Das kostet mich Hektiker zwar manchmal den letzten Nerv, rettete uns beiden aber gestern Abend das Leben.

Tom liebt Musik. Die Ausrichtung von Boxen ist eine Wissenschaft die ich nicht begreifen werde und die Tom perfekt beherrscht – genau diese Detailliebe dieses wunderbaren Menschen, diese rechte vordere Box mit deren Klang Tom gestern nach dem Umbau noch nicht zufrieden war, verzögerte unser Fortkommen.

Dies also ist ein Appell für die Geduld, die Liebe zum Detail, die Genauigkeit in einer Welt die sich scheinbar immer schneller dreht.

Es ist ein Appell an die leisen Töne – die  jedes Weihnachtsfest ummanteln sollten.

Manchmal ist die Genauigkeit, die Sorgfalt und die Liebe zum Detail der wirklich entscheidende Wert, an dem unsere Gesellschaft mehr festhalten sollte.

Unsere beider Schutzengel konnten gestern Schritt halten mit unserem Tempo – dank Tom. Unser Weihnachten war gestern und es war das Weihnachten mit dem größten Geschenk, dass wir beide jemals bekommen haben nach unserer gegenseitigen Liebe.

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Viele andere Menschen hatten dieses Glück gestern um 20.04 Uhr leider nicht. Im Getränkemarkt erzählte mir heute der Verkäufer, dass sein Freund es nicht geschafft habe. Und unsere Nachbarin konnte – wie wahrscheinlich viele – kaum schlafen letzte Nacht und zittert:

Sie ist vor dem Lastwagen davon gelaufen, der sie beim Besuch des Weihnachtsmarkts mit Arbeitskolleg*innen in überraschte.

 

Heute waren Tom und ich erneut am Breitscheidplatz, nichts steht mehr von der Bude mit der besten Feuerzangenbowle, eine gespenstische Stille liegt auf dem Platz unterhalb der Gedächtniskirche, die allein ja schon Mahnmal genug für Terror und Krieg darstellt.

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„Meinen Hass bekommen sie nicht“ sagte Tom heute beim Frühstück zu mir – ein Satz der nach dem beispiellosen Umgang eines Hinterbliebenen in Frankreich um die Welt ging. Und er hat recht: Wenn wir nun beginnen wieder pauschal über Menschen zu sprechen, die unseren Schutz bedürfen, wenn wir Herkunft und Religion mit Vorurteilen und Stigmatisierung begegnen, wenn Menschen die sich für Menschen einsetzen anfangen an ihrem Handlen zu zweifeln – dann ist der schreckliche Anschlag in Berlin ein voller Erfolg.

Diesen werden wir dem oder den Täter*innen nicht gönnen – nicht heute und nicht morgen. Nicht wenn nochmal etwas passiert oder noch zehn Mal. Wenn Hass diese Welt regiert, dann wird dies nicht unserer sein.

Und so bleibt an diesem vollkommen themaverfehlten – weil ohne HIV/Aids auskommenden – Blogartikel nur ein leiser, bescheidener Rat: Begnet dieser wunderbaren Welt mit Liebe, Akzeptanz und Mitgefühl – nicht nur an Weihnachten.

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